Der Begriff „Öffentlicher Luxus“ stammt vom britischen Journalisten und Aktivsten George Monbiot, ist freilich ein Oxymoron und trägt etwas Provokantes in sich. Wenn wir von „Luxus“ sprechen, denken viele an Villen, Schmuck oder teure Uhren oder schlicht daran, keiner Lohnarbeit mehr nachgehen zu müssen. Üblicherweise wird Luxus dem Privaten zugeschrieben, als Ausdruck von Vermögen, Konsum oder einem Lebensstil, der weit über dem Durchschnitt liegt.
Aber Luxus ist kein festes, stabiles Objekt, sondern eine relative, fluide und sich ständig in Aushandlung befindende soziale Kategorie. Was für eine Schülerin, die sich von ihrem Taschengeld ein bestimmtes Kleidungsstück leistet, als Luxus gilt, kann für einen Oligarchen, der sich nebenbei einen Fußballverein als Hobby hält, etwas völlig anderes sein. Entscheidend ist dabei nicht das konkrete Objekt, sondern die Funktion, die es im jeweiligen sozialen Kontext erfüllt. In diesem Sinn lässt sich Luxus aus der Logik teurer Signale verstehen. Ein Hauptmechanismus, mit dem wir als soziale Wesen menschliche Kooperation ermöglichen, besteht darin, anderen Menschen Signale zu senden, die etwas über die eigenen Qualitäten, wie z.B. Vertrauenswürdigkeit, glaubwürdig vermitteln sollten. Damit solche Signale glaubwürdig sind, müssen sie möglichst fälschungssicher sein. Eine Möglichkeit, diese Fälschungssicherheit herzustellen, besteht darin, die Kosten des Signals zu erhöhen. Luxus ist also ein teures Signal und Luxus ist damit eng verbunden mit Statuswettbewerben, Hierarchie und Klasse.
Wenn dem Luxus das „Öffentliche“ vorangestellt wird, erscheint das als Widerspruch. Plötzlich wird ein Begriff, der üblicherweise mit privatem Überfluss und individueller Distinktion verbunden ist, mit der öffentlichen Hand oder dem Staat verbunden. Eine weit verbreitete Erwartungshaltung an den demokratischen Staat ist, dass dieser
sparsam, effizient und verlässlich sein sollte. Luxus passt da nicht ins Bild. Der Begriff öffentlicher Luxus bricht mit dieser Erwartungshaltung. Er stellt die Frage, warum sich Qualität, Eleganz und Großzügigkeit im öffentlichen Raum rechtfertigen müssen, während sie im Privaten als erstrebenswert gelten. Öffentlicher Luxus verschiebt den Maßstab: Nicht das Mittelmaß soll zählen, sondern das Beste, was wir gemeinsam schaffen können. Es geht darum, bestimmte kollektive Güter neu zu denken: nicht als bloß funktionales Mittelmaß, sondern als infrastrukturelle Extravaganz: hochwertige, großzügige und gestaltete Angebote, die allen den Zugang zum guten Leben ermöglichen.
Öffentlicher Luxus: Infrastrukturelle Extravaganz statt Mittelmaß
Die Stadt Linz ist nicht für hochwertige öffentliche Räume oder herausragende Ästhetik bekannt. Dafür gibt es historische Gründe, unter anderem die industrielle Prägung der Stadt. Gleichzeitig besteht in der Bevölkerung ein klarer Wunsch nach mehr Qualität im öffentlichen Raum. In diesem Sinne ist der Ruf nach „öffentlichem Luxus“ ein Appell an alle, die an der Erschaffung, Gestaltung und Erhaltung öffentlicher Räume beteiligt sind, dass wir besser darin werden und die Trauninsel nutzen, um zu zeigen, was Linz kann.
Um das Ziel des öffentlichen Luxus zu erreichen, ist ein gewisses Maß an infrastruktureller Extravaganz erforderlich. Diese bildet die Voraussetzung dafür, dass öffentliche Räume ästhetischen Reichtum und ästhetische Fülle bieten können. Damit ist gemeint, dass öffentliche Räume so gestaltet sind, dass sie sinnliche Erfahrungen ermöglichen, Emotionen wecken, neue Eindrücke und Ideen hervorbringen und vielfältige Formen der Begegnung und Interaktion unterstützen. Auf dieser Grundlage entstehen Orte, die zur Identifikation mit der Stadt beitragen. Es entstehen Orte, die Zugehörigkeit und Heimatgefühl schaffen, Orte, auf die man sich freut, wenn man fern der Heimat ist, und Orte, über die man stolz spricht, wenn man die Vorzüge der eigenen Stadt schildert.
Ein Beispiel für infrastrukturelle Extravaganz ist etwa das Havnebadet in Aarhus. Ein öffentlich zugängliches Meeresschwimmbad mitten in der Stadt, kostenlos nutzbar und gleichzeitig so hochwertig gestaltet, dass es selbst zur Attraktion wird. Hier wird ein einfaches öffentliches Gut auf ein Niveau gehoben, das Qualität sichtbar und erlebbar macht.

Dem gegenüber stehen die im Zuge der Neuerrichtung der Eisenbahnbrücke geschaffenen Stufen.
Diese sind zu begrüßen und besser als Wasserbausteine, welche den Zugang zum Wasser verunmöglichen. Aber die Gestaltung ist insgesamt lieblos, uninspiriert und maximal mittelmäßig. Funktional, aber ohne Anspruch.

Ein weiteres, naheliegendes und mit der Trauninsel vergleichbares Beispiel ist die Wiener Donauinsel. Das für den Hochwasserschutz Wiens errichtete Entlastungsgerinne wurde so konzipiert, dass diese Infrastruktur auch als Freizeit-, Sport-, Veranstaltungs- und Erholungsraum ausgezeichnet funktioniert. Schätzungen gehen davon aus, dass im Sommer rund 200.000 Menschen täglich (!) die Wiener Donauinsel nutzen, was für ihren unheimlichen Erfolg spricht. Die Wiener Donauinsel ist für ganz viele Wienerïnnen ein besonderer Ort, ein bisschen Urlaub im Alltag und sicherlich Mitgrund, warum Wien als lebenswerte Stadt wahrgenommen und ausgezeichnet wird. Zeugnis darüber legt auch die legendäre Sendung
„Donauinsulaner“ von Elisabeth T. Spira ab, in deren Abspann einer der Donauinsulaner ausspricht, was auch meine Überzeugung ist:
„Ich möchte persönlich auch, dass in Österreich a jeda a Chance auf a Insel hat.“

Öffentlicher Luxus als Antwort auf die Frage der sozialen Gerechtigkeit in Zeiten knapper Ressourcen
Aber, es geht nicht nur darum, schöne öffentliche Räume der Gestaltung willen zu bauen, sondern eine qualitativ hochwertige Gestaltung ist eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Öffentlicher Luxus ist ein bewusster Kontrapunkt zur zunehmenden Privatisierung von Lebensqualität. Gerade weil sich immer mehr Lebensqualität in private Räume verlagert – private Pools statt öffentlicher Schwimmbäder, private Seegrundstücke und Ufer statt öffentlicher Badestrände – braucht es eine klare Gegenbewegung: öffentliche Angebote, von so hoher Qualität, dass sie mit den privaten Angeboten konkurrieren können.
Denn die soziale Realität ist ungleich. Die wenigsten Linzerïnnen verfügen über ein Ferienhaus im Salzkammergut oder ein Haus auf einer kroatischen Urlaubsinsel, die wenigsten haben Zugang zu privaten Pools und sehr viele Linzerïnnen haben auch keinen privaten Garten zur Verfügung und sind der Hitze in der Wohnung ohne Klimaanlage ausgeliefert. Gleichzeitig steigt der Nutzungsdruck an den öffentlichen Badeplätzen, ob an den Seen im Umland oder im Salzkammergut.
Genau hier entscheidet sich, wer Zugang zu Erholung und Lebensqualität hat und wer nicht. Während das Gesundheits- und Bildungssystem nicht in die Kernaufgaben einer Kommune fällt, ist die Bereitstellung von Freiräumen und Parks eine kommunalpolitische Kernaufgabe und ein wesentlicher Hebel, um in der Frage der sozialen Gerechtigkeit und des gesellschaftlichen Zusammenhalts eine zeitgemäße Antwort zu liefern. Der Philosoph Hanno Sauer beschreibt dies treffend:
„Eine attraktive urbane Umwelt mit schönen und sicheren Plätzen und Straßen, eine funktionierende Infrastruktur mit öffentlichen Verkehrsmitteln und Schwimmbädern, ein funktionierendes Gesundheitssystem, gute Schulen und Universitäten, die allen offen stehen, halten eine Gesellschaft besser zusammen als das anderswo praktizierte Modell, das den Kollaps öffentlicher Institutionen mit der Möglichkeit für wohlhabende Individuen und Familien kombiniert, sich in Privatschulen und Gated Communities aus dem sozialen Verfall herauszukaufen.“
Hanno Sauer (In: Klasse. Klasse. Die Entstehung von Oben und Unten, 2025)
Eine attraktive, großzügig gestaltete Trauninsel könnte also ein Beitrag zum sozialen Zusammenhalt und eine Antwort auf die drängende soziale Fragen sein, insbesondere für die strukturell benachteiligten Stadtteile im Linzer Süden. Gerade in Zeiten knapper Budgets – sowohl in den privaten als auch in den öffentlichen Haushalten – stellt sich daher nicht die Frage, ob wir uns öffentlichen Luxus leisten können, sondern ob wir es uns leisten können, darauf zu verzichten. Denn der Wirkungsgrad städtischer Investitionen ist im konkreten Fall der Trauninsel sehr hoch: Mit vergleichsweise begrenzten Mitteln können Räume geschaffen werden, die für sehr viele Menschen im Alltag unmittelbar zugänglich sind und Zugang zum guten Leben ermöglichen.
Öffentlicher Luxus ist ein demokratisches Versprechen: Dass ein gutes Leben nicht von der Geburtslotterie oder dem Einkommen abhängt, sondern dass alle Menschen in unserer Stadt, unabhängig von der Postleitzahl, eine faire Chance auf ein gutes Leben haben.
Weiterführende Links und Informationen:
- Ausschnitt aus Alltagsgeschichte „Donauinsel“: „Insel muss Insel bleiben“ (Elizabeth T. Spira, 1998)



