Im Mai 2024 hat die Stadt Linz eine neue Fahrradstrategie beschlossen. Zwei Jahre danach haben wir nachgefragt, welche der empfohlenen Maßnahmen im Umsetzungshorizont umgesetzt wurden und welche nicht. Das Ergebnis ist leider ernüchternd. Es entsteht der Eindruck, dass die Politik des Verkehrsstadtrats vor allem auf Inszenierung und weniger auf die Lösung der vielen Probleme der Linzer Radinfrastruktur abzielt.
Ausgangssituation
Immer mehr Menschen fahren auch in Linz mit dem Rad. Radfahren ist nicht nur eine Freizeitaktivität, sondern besonders im städtischen Bereich ein wichtiges Transportmittel. Insbesondere mit dem Boom von E-Bikes und Transporträdern in den letzten Jahren decken Fahrräder immer besser die Mobilitätsbedürfnisse im städtischen Raum ab.
Aus städtischer Sicht ist das Radfahren ebenfalls sehr begrüßenswert: Radinfrastruktur ist vergleichsweise kostengünstig zu errichten, Radfahren ist förderlich für die Gesundheit und jedes Fahrrad mehr bedeutet weniger Autos, welche die Linzer Straßen verstopfen. Das hat auch die Stadt Linz erkannt und so wurde im Jahr 2024 die Ausarbeitung einer Fahrradstrategie in Auftrag gegeben, und die Umsetzung dieser Fahrradstrategie wurde am 23. Mai 2024 im Gemeinderat beschlossen.
Erklärtes Ziel laut Fahrradstrategie ist es, den Radverkehrsanteil in Linz bis 2040 von derzeit 12,5 % auf 25 % zu verdoppeln.
Das sollte eigentlich leicht möglich sein, wenn man bedenkt, dass selbst im 2020 erstellten Mobilitätskonzept „Auf die Plätze, fertig, Linz“ schon Städte wie Karlsruhe, Odense, Brügge oder Freiburg mit Radverkehrsanteilen teils weit jenseits der 25 % aufgelistet waren.
Neben langfristigen, strukturellen Veränderungen, um dieses Ziel zu erreichen, hat die Fahrradstrategie beziehungsweise deren Autorïnnen auch eine Liste von ganz konkreten Maßnahmen für bestimmte Kreuzungen und Straßenzüge vorgeschlagen, die zeitnah umzusetzen sind. Wir haben nun, zwei Jahre nach dem Beschluss, in Erfahrung gebracht, wie viele dieser Empfehlungen tatsächlich auch realisiert wurden. Das Ergebnis ist leider ernüchternd. Über 80 % der empfohlenen Maßnahmen der Fahrradstrategie, welche 2024 vom Gemeinderat beschlossen wurde, wurden nicht in dem Zeitrahmen umgesetzt, welcher laut Fahrradstrategie vorgesehen war.
Einzig beim Radweg Lederergasse wurde ein Großteil der empfohlenen Punkte umgesetzt. Mit dessen Bau wurde aber auch bereits vor dem Beschluss der Radverkehrsstrategie begonnen.


Analyse
In der Anfragebeantwortung ergeben sich drei wiederkehrende Muster.
- Keine Radwege, wenn dafür der motorisierte Individualverkehr eingeschränkt werden muss. Maßnahmen wie ein Radweg in der Ferihumerstraße oder das Fahren gegen die Einbahn in der Harrachstraße wurden abgelehnt, weil dafür Parkplätze weichen müssten. Auch die Cityroute Ost wurde verzögert, weil eine Verbreiterung des überlasteten Geh- und Radwegs nur auf Kosten von Parkplätzen möglich ist. Ein Radweg in der Goethestraße zwischen Europaplatz und Liebigstraße wird nicht realisiert, weil man keine von den fünf Fahrspuren aufgeben möchte. Gerade hier wäre jedoch eine sichere West-Ost-Verbindung in die Industriezeile wichtig. Dieselbe Logik sieht man auch bei der Nibelungenbrücke, wo statt kostengünstig eine Fahrspur in einen Radweg umzuwandeln, für 3,6 Millionen Euro eine neue Rampe zur Donaulände gebaut wird, damit es für den Autoverkehr keine Einschränkungen geben muss.
- Warten auf Großprojekte. Vor allem der Bau der Stadtbahn und damit verbunden der O-Bus-Linie 48 sowie der Aus- und Umbau des Kepler Universitätsklinikums verzögern hier die Umsetzung von Verbesserungen für den Radverkehr. Auch für eine neue Beschilderung der Radwege möchte man ein Gesamtkonzept ausarbeiten und dieses dann umsetzen. Das ist prinzipiell auch eine gute Idee, nur leider fehlt das Geld, um die Ausarbeitung in Auftrag zu geben, und so werden kurzfristige Verbesserungen an einzelnen Kreuzungen verhindert.
- Kompetenzkonflikte mit dem Land OÖ. Was sich bei der Nibelungenbrücke bereits gezeigt hat, führt auch an anderen Stellen im Radnetz zu Problemen. Im Bereich von Landesstraßen liegt die Kompetenz für Planung und Umsetzung beim Land OÖ. So wurden beispielsweise die fertig ausgearbeiteten Pläne für die Kreuzung Neue Welt vom Land OÖ abgelehnt und werden nun neu ausgearbeitet.

Aus: Fahrradstrategie Linz „Linz Fahr_Rad“ (PDF) November 2023
Unsere Meinung
2022 hat Vizebürgermeister Mag. Martin Hajart (ÖVP) das Verkehrsressort von seinem Parteikollegen Bernhard Baier übernommen. Bei seinem Amtsantritt hat er gegenüber der Öffentlichkeit betont, dass der Radverkehr ein wichtiger Teil der Mobilitätswende sei und dass dieser gefördert werden müsse.
Wie unsere Anfrage und die Beantwortung zeigen, hat es Mobilitätsstadtrat Hajart nicht geschafft, die Lage signifikant zu verbessern. Abseits von einigen wenigen Großprojekten bestehen im Linzer Radnetz nach wie vor die selben Probleme wie vor 10 Jahren. Allen voran fehlt es an durchgängigen, sicher und komfortabel zu befahrenden Hauptachsen für den Radverkehr. Deren Qualität lässt sich nicht an der Anzahl der Radwegkilometer ablesen, sondern es muss auch die Qualität der Wege und eine sichere Führung des Radverkehrs im Kreuzungsbereich in die Beurteilung einfließen. Bei diesen Punkten ist Linz weit abgeschlagen. Selbst bei Neubauprojekten wie dem Radweg Lederergasse bleiben die Kreuzungssituationen oftmals nachteilig oder schlimmstenfalls gar gefährlich für Radfahrerïnnen.
Linz hängt bei der Radinfrastruktur 20 Jahre hinterher und müsste jetzt endlich rasch Projekte umsetzen, um hier eine zeitgemäße Infrastruktur bereitzustellen.
Insbesondere muss das Augenmerk nun auf Qualitätsverbesserungen und Lückenschlüsse im Radnetz gelegt werden, um auch den höheren Anforderungen durch E-Bikes und Transporträder gerecht zu werden. Nur so kann auch Linz eine echte Fahrradstadt werden und der Stau reduziert werden.
Weiterführende Informationen und Verweise:
- Liste/Tabelle: „Umsetzungsgrad der geplanten Fahrradprojekte“ (PDF) – Nach Anfrage, Erhebung und mit Kommentaren von Ahoi Linz (07.08.2026)
- Beitrag: Anfragen an Vizebürgermeister Mag. Martin Hajart: „Fahrradstrategie Linz: Was wurde erledigt und wie geht’s weiter?“ (20.04.2026, ahoi-linz.at)
- Anfrage-Beantwortung von Vizebürgermeister Mag. Martin Hajart: „Fahrradstrategie – was ist erledigt und wie geht es weiter?“ (PDF) (23.06.2026)


